Thema:MITSPRACHE und WIDERSPRUCH in den STREITKRÄFTEN

Internationale Reflexionen über die Beeinflussung von “Whistleblower/Informanten”, durch Gesellschaft, Politik, Militärhierarchie, Operationsführung und Medien

Wien, 22-24 Mai 2019

In jeder Organisation kann es Mut erfordern, abweichende Meinungen zu äußern. Umso mehr gilt dies für hierarchisch geordnete Organisationen, die wie z.B. Regierungen und Streitkräfte, welche einem erheblichen politischen und gesellschaftlichen Druck ausgesetzt sind. Die Medien, aber auch Politiker, Unternehmer und Beamte haben jeweils ein spezifisches Interesse an den Aktivitäten der Streitkräfteangehörigen. Deshalb nehmen sie eine wichtige Stellung dabei ein, wie sicher sich Angehörige von Streitkräften (sowohl Soldaten als auch Zivilangestellte) psychologisch fühlen, wenn diese glauben, etwas Unangemessenes oder dem Auftrag zuwiderlaufendes “zur Meldung bringen” zu müssen.

Darüber hinaus können Unternehmenskultur und innerbetriebliches Klima eine zusätzliche Hürde darstellen, wenn Politiker oder Vorgesetzte oder Mitarbeiter angesprochen oder damit konfrontiert werden, dass unethisches Verhalten wahrgenommen oder erwartet wird. Für das Militär wird generell eine Neigung zum Verschweigen unterstellt, weil die Hierarchie, der Druck des Zusammenhalts in der Gruppe oder ein persönliches Abhängigkeitsverhältnis und das Risiko formeller oder informeller Sanktionen etc. eine Rolle spielen.

Während Folgsamkeit in der Regel ein lobenswertes Merkmal ist, kann es Situationen geben, in denen Anpassung als Schwäche zu werten ist. Dies gilt sowohl für bewaffnete Friedens- oder Kampfeinsätze, wie auch im normalen Dienst in der Kaserne und in Stäben. Zum Beispiel sind Kommandeure nicht glücklich, wenn sie vorgesetzte Kommandobehörden darüber informieren müssen, dass ihre Einheiten und / oder ihr Material aus irgendeinem (womöglich legitimen) Grund nicht einsatzbereit sind. Auch wenn Mitarbeiter von möglicher Bestechlichkeit bei Kollegen erfahren, könnte es für sie schwierig sein, das Problem offen anzusprechen. In ähnlicher Weise könnten Menschenrechtsverletzungen oder andere unethische Verhaltensweisen im Einsatz aus vielerlei Gründen “unter der Decke gehalten” werden.

Innerhalb der Streitkräfte können nicht nur Soldaten, sondern auch Zivilangestellte sowohl im Routinedienst in der Kaserne, als auch im Einsatz in Dilemmata bezüglich des Umgangs mit Informationen geraten. Die Erscheinungsformen der jeweiligen Gewissensnöte können erheblich voneinander abweichen. Es kann sein, dass erforderliche Sicherheitskontrollen für die Lagerung von Munition nicht durchgeführt werden, dass die notwendige Ausrüstung für den Einsatz nicht vorhanden ist, dass Waffen illegal gehandelt werden oder dass sexuelle Belästigung beobachtet wird. Es könnte sich auch um einen unangemessen optimistischen Lagebericht über die Einsatzbereitschaft der Besatzungen, über Misshandlung von Gefangenen, moralische Dilemmata bezüglich individuellem Fehlverhalten handeln oder gar um die Grundsatzfrage, ob die Entscheidung der politischen Führung rechtmäßig war, Streitkräfte in eine bestimmte Mission zu entsenden.

Unter solchen Umständen ist (moralischer) Mut bei jedem Angehörigen der Streitkräfte erforderlich, die unbequemen Fragen zu stellen, Zweifel und gegebenenfalls sogar Widerspruch zu äußern. Das heißt, dass sich die Organisation von einer Kultur des Schweigens hin zu einer Kommunikationskultur entwickeln muss. Während das Militär zweifellos den hierarchischen Aufbau und Gehorsam braucht, um seine Aufgaben zu erfüllen, kann die starre Hierarchie und der unbedingte Gehorsam eine offene, aber unbequeme Berichterstattung über Entwicklungen behindern, die Vorgesetzte und / oder die Organisation nicht hören wollen. Gleiches gilt für politische, kommerzielle und gesellschaftliche Interessen.

Während der bevorstehenden Tagung wollen wir diese Fragen sowohl aus der realen Praxis als auch von den theoretischen Grundlagen her untersuchen. Wir hoffen auch, solche Fragen auf verschiedenen Ebenen von innerhalb der militärischen Organisation und von ihrem Umfeld zu beleuchten: von der Einheitsebene bis zur Rüstungsabteilung, von der Kommandoebene, die an den Generalinspekteur berichtet, bis zum Ministerbüro, wo die politische, kommerzielle und mediale Informationspolitik festgelegt wird.

Welches sind die wichtigsten Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre? Ist es möglich, zu einer Typologie von Dilemmata zu kommen? Inwiefern erfordern die verschiedenen Fallbeispiele eine differenzierte Behandlung? Gibt es in den modernen Streitkräften eine “Kommunikationskultur” und ist sie ein erwünschtes organisatorisches Merkmal? Wie verhält es sich mit Streitkräften im Einsatz und im Ausbildungs- und Übungsbetrieb in der Heimat? Ist es möglich, Widerspruch und Mitsprache in Bezug auf den Einfluss verschiedener Interessengruppen zu unterscheiden?

Während dieser Tagung wird EuroISME mit dem Kompetenzzentrum für Integrität der niederländischen Streitkräfte zusammenarbeiten, um so viele Experten wie möglich zu erreichen. Es werden sowohl theoretische als auch empirisch belegte Manuskripte angenommen.

Ein detaillierter Call for Papers wird im Dezember 2018 auf dieser Internetseite und über unseren Newsletter veröffentlicht. Abstracts bzw. Manuskripte müssen in englischer Sprache eingereicht werden.

Schlüsselbegriffe : Streitkräfte; Mitsprache; Dissens; Widerspruch; psychologische Sicherheit; Disziplin; Informant; Whistleblowing