Wir eröffnen diese neue Plattform für einen regelmäßigen Austausch von Standpunkten zu aktuellen Fragen mit einer Betrachtung von Dr. Henri HUDE, Philosoph, Direktor des Dezernats “Ethik und Wehrrecht” im Forschungszentrum der französischen Militärhochschulen von St-Cyr Coëtquidan und Vizepräsident von Euro-ISME, der die spannende Frage untersucht:
Macht es Sinn, von einer europäischen Militärethik zu sprechen?
Wir laden Sie herzlich ein, seinen kritischen Standpunkt näher kennenzulernen und in unserem Forum zu kommentieren. (hier)

STANDPUNKT des MONATS

Gibt es eine europäische Militärethik ?

Eine kritische Betrachtung

Henri HUDE

Militärakademie Saint-Cyr Coëtquidan

Macht es Sinn, von einer europäischen Militärethik zu sprechen?

Ist dieser Ansatz nicht eher undenkbar oder zumindest verfrüht? Europa ist kein Staat, ja nicht einmal eine Konföderation, es besitzt keine gemeinsamen Streitkräfte und führt deshalb auch keine Kriege, es kann sie nicht führen. Lediglich die Mitgliedsstaaten verfügen über Streitkräfte, die in militärischen Operationen eingesetzt werden können. Diese laufen zumeist unter einem UN-Mandat und im Rahmen der NATO ab. Ist deshalb die « europäische » Militärethik nicht eher eine UNO- oder NATO-Militärethik oder auch ein bunter Strauß vielfältiger nationaler Militärethiken ? Genau diese Art von Fragen stellt sich heute und hat unter anderem zur Gründung der Internationalen Gesellschaft für Militärethik in Europa (Euro-ISME)1 geführt.

Europa muss eine gemeinsame Militärethik haben, wenn es politische Verantwortung auf globaler Ebene übernehmen will

Wir sind heute davon überzeugt, dass zum Erhalt des globalen Gleichgewicht und des Friedens ein machtvolles Europa mit dem Anspruch als globale Gestaltungsmacht gebraucht wird2. Dieses Europa sollte zur Ausfüllung dieser Rolle und zur Wahrnehmung dieser historischen Aufgabe wie ein Bündnis aufgestellt sein und über gemeinsame Streitkräfte sowie eigenständige politisch-militärische Einrichtungen zu deren Führung verfügen, um eine autonome Sicherheitspolitik im Weltmaßstab formulieren zu können. Dies ist möglicherweise, zumindest heute und auf der Grundlage der in den meisten EU-Mitgliedsstaaten verfolgten politisch-philosophischen und wirtschaftlichen Zielsetzungen, eine unmögliche Erwartung3. Und solange sich die Weltordnung liberal-postmoderner Ausrichtung4 hält, wird diese Perspektive auch nicht Realität werden.
Trotzdem macht die gegenwärtige Krise der herrschenden Weltordnung nachdenklich und fordert dazu auf, über das bestehende System hinauszudenken und nicht allein davon auszugehen, dass wir mit diesem System – bis auf kleine Details – bereits alles erreicht hätten. Die fortschreitende und sich globalisierende Krise stellt alles Grundsätzliche in Frage, oder zumindest auf die Hebebühne. Um aus der Krise herauszukommen, müßten die zu Europa gehörenden Nationen dazu befähigt sein, solidarisch eine neue Philosophie, eine neue politische Philosophie und ein neues politisches Projekt zu gebären. Wird dies geschehen ? Wir wissen es nicht. Falls es doch soweit kommen sollte, würden Europa und vor allem seine Streitkräfte sowie deren politische Führung jedenfalls über eine zeitgemäße gemeinsame Militärethik verfügen müssen – eine Ethik der Kriegführung (d.h. des Rückgriffs auf Streitkräfte und des Einsatzes von Waffengewalt). Das wäre sogar ein Bereich, in dem Europa als Gestaltungsmacht in Zeiten nuklearer Proliferation und der Risiken im Zusammenhang dem Niedergang der liberalen Weltmacht USA eine besonders originäre Kreativität unter Beweis stellen müsste5. Sehen wir also in vorliegenden Gedankengängen einen Versuch, die Zukunft vorauszudenken.

Die kritische Frage : kann sich Europa mit einer Militärethik liberalistisch-postmodernen Typs zufrieden geben ?

Im Zusammenhang mit dieser schwierigen Frage ergeben sich zwei mögliche Denkansätze, der eine eher kritisch, der andere eher gewagt schöpferisch. Bei letzterem würde es sich im Wesentlichen um eine Wiederaufnahme, um eine gelungene Modernisierung und um die Vertiefung der Theorie des gerechten Krieges handeln. Wir können hier diesen Weg nur aufzeigen, der als unwägbar und schwierig empfunden und in Frankreich weniger favorisiert wird als anderswo, obwohl er immer wieder Gegenstand fundierter Theoriestudien6 und auch praktischer Forschung7 ist. Wir ziehen es vorerst vor, uns eher bescheiden auf eine wissenschaftliche Auseinandersetzung zu konzentrieren, die auf ambitioniertere Untersuchungen verzichtet. Es geht hier also ganz einfach darum, sich zu fragen, ob Europa sich mit einer postmodernen Militärethik zufrieden geben kann.

Die europäischen Länder werden heute kulturell – zumindest oberflächlich betrachtet – von der liberalistischen postmodernen Idee bestimmt; wie tief jedoch der Zeitgeist in dieser Idee wurzelt, ist schwer zu ermitteln. Da die liberale postmoderne Idee auf einem integrativen Konzept fußt (und umso stärker vereinnahmend ist, als dass sie vorgibt, jeden integrativen oder systemischen Gedanken aufgegeben zu haben), muss sie eine allgemeine Moral, eine allgemeine Ethik einschließen (und das tut sie) – auch wenn ihr Inhalt oft paradox oder ganz einfach negativer Natur8 ist. Wendet man diese allgemeine Moral einmal auf die Kriegskunst an, würde sie zu einer Art liberalistischen postmodernen Kriegsethik. Viele glauben also, dass tatsächlich eine europäische Kriegsethik liberalistisch-postmodern sein müßte – sofern sich Europa auf dem Fundament dieser Idee konstituieren könnte und sollte.

1 : http://www.euroisme.eu/
2 : Henri Hude, Den Krieg denken, um Europa zu gestalten, Monceau-Verlag, 2010. www.henrihude.fr
3 : Siehe weiter unten, Abs. 13.
4 : Siehe weiter unten, Fußnote Nr. 8.
5 : Henri Hude, «Ein philosophisch-politischer Blick auf die NATO», Sécurité globale, Nr. 17 (Herbst 2011): Die NATO nach Lissabon, zusammengetragen von Olivier Kempf, Choiseul-Verlag.
6 : Dieter Baumann, Militärethik. Theologische, menschenrechtliche und militärwissenschaftliche Perspektiven, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 2007, einschließlich eines umfassenden Literaturverzeichnisses, S. 588-620. Dieser Band ist der 36. aus der Sammlung «Theologie und Frieden», veröffntlicht vom Institut für Theologie und Frieden, in Hamburg. http://www.ithf.de
7 : Amerikanische Autoren wie Martin Cook, The Moral Warrior. Ethics and Service in the US Military, State of New York University Press, 2004, und George Lucas entwerfen seit mehreren Jahrzehnten in zahlreichen Artikeln und Konferenzbeiträgen (siehe unten, Fußnote Nr. 13) eine Reflexion, die sich zentral auf die Theorie des gerechten Krieges stützt. Hierfür interessieren sich zugleich – wenn auch teils mit unterschiedlichen Ansätzen – auch die Israelis Asa Kasher (im Artikel « Military Ethics of Fighting Terror : Principles », Philosophia (2006) 34:75–84, in Zusammenarbeit mit General Amos Yadlin, im Internet verfügbar unter http://www.springerlink.com/content/x54w034215g7850r/fulltext.pdf ) und Michael Gross, Moral Dilemmas in Modern Wars. Torture, Assassination and Blackmail in an Age of Asymmetric Conflicts, Cambridge University Press, 2010.

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